Samstag, 14. März 2015

"Wie, das macht Spaß?": Warum lesen uncool ist.

Axtschwingend kämpft sich der blutüberströmte Held durch die Heerscharen Untoter, Gedärme und Blut fliegen durch die Luft wie Konfetti zur Karnevalszeit. Mit klopfendem Herzen wird mitgefiebert, als er die Türe zum sicheren Bunker erreicht. Doch gerade, als er die Hand nach dem Griff austrecken will, ein siegessicheres Lächeln auf den Lippen, da...

"Warum liest du eigentlich so viel?"
Das Schlachtfeld in meinem Kopf weicht einem nicht minder trostlosen Bilde, diesmal allerdings nicht vor meinem inneren Auge; Willkommen zurück in der Realität. Zweite Pause, kurz vor Mathe. Einen Seufzer unterdrückend blicke ich vom Buch auf und in das Gesicht meiner neugierigen Klassenkameradin, die auf das Ding in meinen Händen starrt.

"Na ja, weil es mir Spaß macht.", versuche ich ihre Frage rasch zu beantworten, um mich wieder dem Zombiegeschnetzelten zu widmen. Ausgerechnet dann, wenn es gerade spannend wird...
Doch meine Hoffnung soll nicht lange währen, denn sie hebt eine Augenbraue: "Spaß? Wie kann lesen denn Spaß machen?" Na super. Als hätte ich das nicht schon zu Genüge durchgekaut. Bevor ich zu einem langen Vortrag ansetzen kann, der mich am Ende wahrscheinlich wie die Fanatikerin einer füllerschwingenden Sekte aussehen lässt, stampft bereits Herr Mathelehrer herbei und erlöst mich damit von einer Qual, die wohl nur wirkliche Leser verstehen.



Doch während ich, noch immer in Gedanken meine große Rede schwingend, diesen Text verfasse, muss ich mir eingestehen: Irgendwo kann ich sie schon verstehen. In einem Zeitalter, das geprägt wird von immer flacheren Smartphones, die alles können und von denen uns die meisten Funktionen doch nicht interessieren, sowie von einem unvergleichlichen Fernsehangebot, dass sogar angeblich mitten aus dem Leben berichtet, sind Bücher nun einmal etwas Befremdliches, so ganz ohne Bilder und Ton.

Allerdings, so stelle ich fest, bin ich Einundzwanzig und sie Achtzehn - ein so großer Unterschied ist das also auch wieder nicht. Auch ich bin mit der neusten Technik aufgewachsen, habe mich bereits als Grundschulkind an meiner ersten Homepage versucht. Dennoch waren mir die Bücher stets treue Begleiter. Ein Grund also, warum sich mir die Frage stellt: Warum finden viele (Gleichaltrige) lesen eigentlich so blöd und langweilig, obwohl wir in der gleichen Gesellschaft aufgewachsen sind?

Neben der voranschreitenden Technologie, die aber in meinen Augen in dieser Thematik bloß die leise Hintergrundmusik mischt, sollte man besonders einen Faktor nicht aus den Augen lassen: Die Schule mit ihren wunderbaren Pflichtlektüren.

Bücher, die für die Schule gelesen werden, sind an sich nichts Schlechtes, ganz im Gegenteil: Wer vom trauten Heim sonst nicht mit diesen Wunderwerken in Berührung gekommen ist, der hat hier die Chance, sich diesen anzunähern. Doch wenn ich daran denke, mit welchen scheinbar selbsternannten Klassikern uns nachgejagt wurde, kann ich nachvollziehen, dass für manche das Lesen schlichtweg zum - Pardon! - Erbrechen ist.

Ich kann mich noch gut an die achte Klasse erinnern. Damals stand "Der Besuch der alten Dame" von Friedrich Dürrenmatt auf dem Programm. Im Nachhinein weiß ich nicht einmal wirklich, worum es dabei ging - irgendwas mit einer einflussreichen alten Frau, die ihre Heimat besucht, oder so ähnlich -, doch geht mir das damalige Gefühl, das ich bei dem Ganzen hatte, noch immer durch Mark und Bein: Ich hab's absolut gehasst. Mag sein, dass dieses Buch für viele ein wunderbarer Vorreiter ist für das Aufzeigen von Machtgier und Selbstjustiz, doch empfinde ich es als absolut falsches Werk, um ausgerechnet jungen Jugendlichen dieses Fehlverhalten näher zu bringen. Kein Wunder, dass ich in der späteren Klassenarbeit nur eine vier geschrieben habe: Ich war zu weit vom Thema entfernt, da ich dieses durch meine Abneigung einfach nicht erkennen konnte - und wollte.

Und auch momentan muss ich mich wieder mit einem derartigen Horrorszenario herumschlagen: "Herr Lehmann" von Sven Regener ist zwar wesentlich erfrischender als die zänkische Dame, doch quält man sich auch hier durch stumpfe Analysen und versteckter Symbolik, die vielleicht gar nicht existiert. Stellenweise bin ich sogar richtig wütend geworden, da es für mich in diesem Buch keinen einzigen Charakter gibt, dem ich irgendwas abgewinnen konnte. So realistisch ihre Darstellung auch sein mag: Für mich waren sie alle Verlierer, ohne dies zu erkennen.

Natürlich muss es nicht unbedingt "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" oder "Die Tribute von Panem" sein, um den Büchernerv im Deutschunterricht zu treffen. Doch sind Klassiker im Umkehrschluss nun einmal auch nicht gut, zumindest für die jüngere Generation, die sich ohnehin lieber mit ihrem Tablet beschäftigt.

Letztendlich bin ich - zumindest gedanklich - mit meiner Klassenkameradin ein wenig zu hart ins Gericht gegangen. Wenn man es von der Seite betrachtet, die alles annimmt, was sie vorgesetzt bekommt und nur nach mehr schreit, wenn es ihr gefällt, dann würde ich das Lesen wahrscheinlich genauso uncool finden und jedes Buch verteufeln.

Und - geht es euch da ähnlich?

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